Zwischen Zauber und Zerstörung

Warum der Oman jetzt aufpassen muss, wohin die Reise geht

Zwischen Geheimtipp und Gruppentour

Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, als der Oman ein echter Geheimtipp war. Wer herkam, suchte nicht nur Sonne und Wüste, sondern Begegnung, Weite, Ursprünglichkeit. Damals habe ich selbst in der Region Dhofar die ersten großen Gruppen mit 40, 50 Leuten von Reiseveranstaltern begleitet – oder Kreuzfahrtausflüge betreut. Das war zwar nicht Massenabfertigung im klassischen Sinn, aber doch weit weg von dem, was ich mir heute unter nachhaltigem Reisen vorstelle.

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Plötzlich stand man mit vier Bussen gleichzeitig auf einem kleinen Markt mit nur zwei, drei Gassen. Die Läden waren überrannt, Gedränge überall. Man konnte kaum etwas erklären, weil einem das Stimmengewirr übertönte. Oder man war in einer Ausgrabungsstätte, und ein Bus nach dem anderen rollte an. Die Leute strömten kreuz und quer über das Gelände, Fotos ohne andere Menschen? Unmöglich. Dabei war das früher nie so.

Als angestellter Guide hatte ich kaum Einfluss auf Gruppengrößen oder Tagesabläufe – oft stand ich mit mehreren Reisegruppen zur gleichen Zeit am gleichen Ort. Das fühlte sich nie richtig an. Mit der Gründung meines eigenen Unternehmens im Oman wollte ich bewusst einen anderen Weg gehen: individuelle Touren mit maximal acht Personen, sorgfältig geplant, fernab der Menschenmassen. Ich achtete gezielt darauf, Stoßzeiten zu vermeiden – und besonders auf Tage, an denen Kreuzfahrtschiffe im Hafen lagen. 

Denn genau da zeigt sich gerade, wohin sich der Oman entwickelt. Und das macht mir schon viele Jahre Sorgen.

Overtourism im Anmarsch

Overtourism – also zu viele Menschen an einem Ort zur selben Zeit – ist kein fernes Bali-Problem mehr. Auch im Oman häufen sich die Anzeichen: überlaufene Aussichtspunkte, Busse und Jeeps in Kolonnen, überfüllte Wadis und Staus vor den Dattelplantagen.

Dabei galt das Land lange als Vorzeigebeispiel für sanften Tourismus. Aber aktuell sieht es so aus, als ob das Sultanat die Fehler vieler anderer Destinationen wiederholt – Masse statt Klasse.

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Kreuzfahrtschiffe – viel Trubel, wenig Tiefe

Besonders auffällig wird das an den Häfen. In Muscat und Salalah legen regelmäßig riesige Kreuzfahrtschiffe an. Tausende Menschen verlassen in kurzer Zeit das Schiff, besuchen dieselben Sehenswürdigkeiten – schnell, laut, ohne echten Zugang zum Land.

Viele dieser Orte sind weder für solche Menschenmengen gemacht noch ökologisch geeignet. Trotzdem wird weiter ausgebaut – der Hafen in Muscat soll künftig noch größere Schiffe aufnehmen können. Ein deutliches Signal: Es geht ums Volumen, nicht um die Qualität der Erfahrung.

 

In Europa ziehen einige Städte längst Konsequenzen: Venedig, Dubrovnik, Barcelona oder Cannes regulieren den Kreuzfahrttourismus, weil die Belastung für Umwelt, Infrastruktur und Lebensqualität zu groß wurde. Die Warnsignale sind also da. Und sie zeigen klar: Zu viele Menschen auf einmal – das funktioniert auf Dauer nicht.

Umso unverständlicher ist es, dass der Oman diese Erfahrungen ignoriert. Statt frühzeitig gegenzusteuern, wird weiter auf Wachstum gesetzt – koste es, was es wolle.


Hotelboom – aber an wem vorbei?

Gleichzeitig sprießen neue Hotels aus dem Boden. Klingt erst mal gut. Aber die meisten dieser Unterkünfte gehören großen internationalen Ketten. Sie bieten Standardkomfort – aber keinen Bezug zur lokalen Kultur. Die Erträge fließen meist ins Ausland.

Kleine Gästehäuser, geführt von Einheimischen, hätten das Potenzial, genau das zu liefern, was viele Reisende heute suchen: Authentizität, Austausch, eine persönliche Geschichte. Aber gerade in Muscat sucht man diese Unterkünfte oft vergeblich – sie bekommen schlicht keine Genehmigungen.

Der falsche Weg?

Der Oman hatte die Chance, aus den Fehlern anderer zu lernen. Stattdessen scheint man sich nun doch für schnelles Wachstum entschieden zu haben.

Was das bedeutet, zeigt sich schon jetzt:

Sehenswürdigkeiten werden überlaufen.

Die Aufenthaltsqualität sinkt.

Lokale Anbieter verschwinden oder werden verdrängt.

Ausbildung und Qualität der Angebote bleiben oft unreguliert.

Und das alles in einem Land, das so viel mehr zu bieten hätte – wenn man es ließe.


Was können wir als Reisende tun?

Nachhaltiger Tourismus beginnt nicht bei den Behörden – sondern bei uns. Mit jeder Entscheidung, die wir treffen, beeinflussen wir, welche Art von Reisen wir fördern.

Ein paar Impulse:

  • Lokale Anbieter unterstützen

Privat geführte Unterkünfte, Restaurants und Guides machen nicht nur das Erlebnis persönlicher – sie sorgen auch dafür, dass das Geld dort bleibt, wo es gebraucht wird. Man weiß, wohin das Geld fließt. Und auch wenn nicht alles perfekt ist: genau das macht es menschlich.

  • Kulturelle Sensibilität zeigen

Das beginnt bei Kleidung und Verhalten – und reicht bis zur Art, wie wir Fragen stellen, Fotos machen oder überhaupt auftreten.

  • Große Ketten kritisch hinterfragen

Sie wirken bequem – aber ihr Mehrwert für die Region ist oft minimal. Es gibt fast immer Alternativen mit mehr Seele.

  • Weniger ist oft mehr

Lieber eine Sache richtig erleben, statt zehn Orte im Schnelldurchlauf abhaken. Tiefe statt Tempo. Qualität statt Quantität.

Fazit – Der Zauber des Omans bleibt nur, wenn wir ihn schützen

Und ganz ehrlich: Wer erinnert sich am Ende einer Reise wirklich an die Hotelgröße, die Sterne-Kategorie oder den Infinity-Pool? Oder an eine UNESCO-Ausgrabungsstätte voller Menschenmassen?

Wenn wir nach Hause kommen, erzählen wir keine Geschichten über Check-in-Zeiten oder große Hotelbuffets. Wir erzählen davon, dass wir mit einem Imker Honigsorten probiert haben, von denen in Deutschland noch nie jemand gehört hat. Oder dass wir mit einem Einheimischen auf dem Boden saßen und unseren eigenen Schmuck entwerfen.

Und manchmal erinnern wir uns auch an die kleinen Pannen: dass die Bienen an dem Tag nicht da waren oder der Tee ausging. Aber genau das macht diese Begegnungen echt. Und wertvoll. Weil wir wissen: Das war kein Massenprodukt. Das war echtes Leben.

Solche Momente entstehen nicht in der Masse. Sie entstehen, wenn wir bewusst reisen. Wenn wir bereit sind, nicht nur zu konsumieren, sondern mitzugestalten.

Wir alle können Teil der Lösung sein – als Reisende, Veranstalter, Gastgeber. Als Menschen, die sich fragen:

Was hinterlasse ich eigentlich auf dieser Reise – außer Fußspuren?

Denn am Ende entscheiden wir:

Wollen wir nur konsumieren – oder mitgestalten?

(Stand: 11.Dez. 2025)

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